Am 21. September 2018 wurde ich zum Ehrenbürger meiner Heimatstadt Goslar ernannt. Im Vergleich zu allem, was ich in meiner politischen Karriere schon erlebt und erfahren habe, klingt es klein. Doch für mich ist es das Größte. Heimat bedeutet: Freunde und Familie zu haben, die einem Halt geben. Es bedeutet, Wurzeln zu haben und zu wissen, wo man hingehört. Heimat bedeutet, sich beschützt zu fühlen.
All das ist Goslar für mich.

Die meisten Menschen sehnen sich nach so einer Heimat. Wo das Große – in einer globalisierten Welt – an Bedeutung gewinnt, wird auch das Kleine wichtiger. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass wir wieder mehr Heimat schaffen müssen, mehr Gemeinschaften in Dörfern, Gemeinden und Städten. Dass wir dem Begriff Heimat wieder eine positive und persönliche Bedeutung zumessen.

Hätte vor 50 Jahren jemand meiner Mutter gesagt, dass ich Ehrenbürger dieser Stadt werden würde – sie hätte gelacht. Sie war nicht mal sicher, ob ich öfter die Schule oder nicht doch eher den Bolzplatz besuchte. Könnte sie mich heute sehen – sie könnte stolz auf sich sein. Denn ohne sie und ihre Geduld mit mir wäre aus mir vermutlich nicht das geworden, was ich heute bin: Ehrenbürger dieser ehrwürdigen Stadt.

Je stürmischer die Windböen sind, desto wichtiger ist es, in Werten aber eben auch an Orten verwurzelt zu sein, die ja immer auch mit Menschen verbunden sind, die uns Halt geben können. Ich wünsche uns allen von ganzem Herzen diese positive Art von Heimat.

Ich kann kaum in Worte fassen, wie viel mir Heimat, aber auch diese Ehre bedeutet. Besonders waren auch die Gäste an diesem Abend: politische und nicht-politische Prominenz, Wegbegleiter, Mentoren, Freunde, Familie. Und ein paar liebe Menschen von früher. Ganz früher. Ehemalige Schulkameraden, mit denen ich aufwuchs, büffelte, Fußball spielte, demonstrierte, erwachsen wurde. Dass sie da waren, berührt mich tief. Fast alle, mit denen ich in Goslar aufwuchs, kamen nicht aus wohlhabenden Elternhäusern. Viele von uns kamen aus ganz normalen Haushalten von Arbeitern, Handwerkern, kleinen Angestellten oder Beamten. Oft waren es Flüchtlingsfamilien aus den früheren Ostgebieten Deutschlands. Fast alle aus diesen Jahrgängen unserer Grund- und Realschulzeit haben ihr Leben gemeistert. Aus ihnen sind Polizeibeamte, Handwerksmeister, Piloten, Selbstständige, Beamte, Facharbeiter, Angestellte und nicht selten über den zweiten Bildungsweg auch Ingenieure, Techniker und Meister geworden.

Mein Eindruck ist derzeit, dass wir sehr viel über die reden, die in unserem Land Krawall schlagen und viel zu wenig über die Millionen Menschen, die hart arbeiten, sich nach Feierabend im Verein oder bei der Feuerwehr oder in der Nachbarschaft engagieren und abends noch ihren Kindern oder Enkeln am Bett eine Geschichte vorlesen. Ich bin sicher: Deutschland wird wieder ruhiger, wenn wir diese Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht diese lauten Schreihälse. Nicht um zu verschweigen, dass wir auch Problem und Herausforderungen in unserem Land haben. Aber weil man am guten Beispiel mehr darüber lernen kann, wie man diese Aufgaben löst, als an den schlechten.

Danke, dass es Euch gibt. Danke, dass einige von Euch da waren. Ich weiß, was ihr alles für dieses Land tut. Das werde ich nicht vergessen.

Meine Rede kann hier vollständig geladen und gelesen werden: Sigmar Gabriel Rede Ehrenbürgerwürde

Im Folgenden einige Bilder dieses besonderen Tages: