Gestern war ich bei der Deutsch-Türkischen-Gesellschaft e.V. zu Gast. Dort ist deutlich geworden, dass die aktuellen geopolitischen Konflikte mit der Türkei nicht zum Gegenstand innerer Debatten über Menschen mit türkischen Wurzeln werden dürfen.

Erneut belastet der militärische Konflikt im Norden Syriens rund um Afrin unsere Beziehungen. Natürlich hat die Türkei das Recht auf Selbstverteidigung und den Schutz seiner Grenzen. Aber die Verhältnismäßigkeit der Mittel, die Einhaltung des Völkerrechts und vor allem der Schutz der Zivilbevölkerung sind unverzichtbar. Nichts braucht Syrien weniger als einen erneuten dauerhaften bewaffneten Konflikt. Deshalb war es richtig, dass Deutschland nach Beginn des Konflikts um Afrin auch an seinen NATO-Partner Türkei keine Kriegswaffen mehr geliefert hat. Nach so vielen Toten und so viel Leid braucht das Land vor allem eines: einen generellen Waffenstillstand und Friedensverhandlungen unter dem Dach der Vereinten Nationen. Deutschland muss seinen Einfluss auch auf die Türkei nutzen, um für diesen Weg zu werben. Die jetzige Internationalisierung des Konflikts zwischen der Türkei und den Kurden droht alle Beteiligten in eine lange Phase der Gewalt zu führen. Über Jahrzehnte gewachsene Bindungen zwischen der Türkei und den USA, der NATO und Europa geraten dadurch in große Gefahr. Mag die Antwort darauf auch noch so unrealistisch klingen, so bleibt sie doch richtig: die Antwort auf diese Entwicklung muss die Wiederaufnahme von Gesprächen zwischen der türkischen Regierung und Repräsentanten der Kurden unter internationaler Vermittlung sein. Wir sollten uns dabei in Erinnerung rufen, dass es der jetzige Staatspräsident Erdogan in seiner Zeit als Ministerpräsident war, der diesen Schritt gegen massiven Widerstand der Nationalisten im eigenen Land schon einmal unternommen hat. Dass der Versuch damals scheiterte, ändert nichts an seiner Richtigkeit.